ÜBER GEIST UND TECHNIK –

 

EIN DIALOGISCHES VERFAHREN

 

JULIA HEMMERLING

in: Der entwerfende Ingenieur. Zum 60. Geburtstag von Joseph Schwartz, 2017 

 

 «Denn es ist zuletzt doch nur der Geist, der jede Technik lebendig macht.» Was bedeutet der Geist für die Technik, was für die Baukunst unserer Zeit? Mit dem Wort «Geist» schwingen gedankliche Originalität und Verstand, Scharfsinn und Witz mit. Begriffe, die Joseph Schwartz, den Ingenieur, aber auch den Menschen, gut beschreiben, ohne ihn vollends charakterisieren zu können – weshalb es dieser Text, zumindest in Ansätzen, über eine Definition des geistvollen Ingenieurs versuchen will.  

ES FOLGT: EINE ABSTRAKTE DEFINITION ZUR KONKRETISIERUNG GEMACHTER ERFAHRUNG. ALS GRUNDLAGE DIENT DER STUDIENAUFTRAG «CASE STUDY STEEL HOUSE», WELCHER DIE ANWENDUNG VON STAHL IM WOHNUNGSBAU THEMATISIERT UND ARCHITEKTEN MIT INGENIEUREN ZUSAMMENFÜHRT.

Ein geistvoller Ingenieur ist Entwerfer und Konstrukteur zugleich. Und welche Freude, welches Glück ist ein entwerfender Ingenieur für einen an der Konstruktion interessierten Architekten. Denn der geistvolle Ingenieur denkt die Architektur in all ihren Facetten mit. Wird er schon zu Beginn eines Projekts hinzugezogen und erarbeitet dieses mit allen Planenden gemeinsam, kann er sich am besten einbringen, denn er weiß und schätzt, «was bei so vielen andern menschlichen Unternehmungen gilt, daß das Interesse Mehrerer auf Einen Punkt gerichtet etwas Vorzügliches hervorzubringen imstande ist». Die wissenschaftliche Begierde, etwas Entdecktes selbst, allein nach der eigenen Art erforschen zu wollen, steht beim geistvollen Ingenieur zurück. An ihre Stelle tritt eine Neugierde, noch Ungedachtes andenken zu wollen. Dabei braucht er keine Gewissheit auf Erfolg, auch ein Scheitern nimmt der geistvolle Ingenieur in Kauf, wenn es der Erforschung des Neuen dienlich ist. Er hat Interesse am Lernen, Lehren und der Lehre, denn ein wichtiges Anliegen ist ihm, Wissen und Ideen zu teilen.

JOSEPH SCHWARTZ SAGT ZU, DEN STUDIENAUFTRAG MIT EINER IHM NOCH UNBEKANNTEN ARCHITEKTIN ZU BEARBEITEN. VON DER JURY WIRD DIE KOMBINATION AUS ERFAHRUNG UND NACHWUCHS GESCHÄTZT UND VON DEN BEIDEN FRÜH DURCH EXPERTEN ERGÄNZT. ALS «TEIL DES NACHWUCHSTEAMS» STELLT JOSEPH SCHWARTZ SICH DEN ANDEREN ERFAHRENEN GEGENÜBER VOR – UND GEMEINSAM ERFREUEN SIE SICH DER ZURÜCKGEWONNENEN NARRENFREIHEIT.

Ein geistvoller Ingenieur denkt transdisziplinär. Er zieht Vergleiche heran, aus Kultur und Geschichte ebenso wie aus verwandten Bereichen der Konstruktion und Technik. Nicht allein neue Materialien oder technischer Fortschritt führen für den geistvollen Ingenieur zu neuer Formgebung, sondern auch wirtschaftliche, politische, ökologische, kulturelle und soziale Aspekte. Seine Gedanken sind folglich nicht rein wissenschaftlicher Natur, auch philosophische und anthropologische Deutungen liegen ihnen zugrunde.

ZUR FRAGE DER WIEDERERWÄGUNG EINES SYSTEMBAUS ZIEHT JOSEPH SCHWARTZ DIE MUSIK HINZU. ALS IN DER MUSIK DIE NOTEN FESTGELEGT WURDEN, KAM DIE ANGST AUF, DIE VIELFALT DER KLÄNGE EINZUSCHRÄNKEN. AM ENDE KAM ES ANDERSHERUM: DURCH DIE EINSCHRÄNKUNGEN DES REGELWERKS ENTSTAND VIELFALT.

Ein Projekt, in das ein geistvoller Ingenieur involviert ist, entwickelt sich am besten im Dialog. Die Handschrift des Architekten bleibt dabei erkennbar, Konstruktion und Gestaltung wirken gemeinsam. Das große Ganze steht im Vordergrund. Das große Ganze? Zu oft wird es in der zeitgenössischen Architektur durch Normierungen verdrängt, zu oft missverstanden als Zwangskorsett, in dem Entscheidungen nicht im Sinne der Baukunst, sondern im Sinne einer abstrakten Idee getroffen werden. Ein geistvolles Ganzes jedoch hat die Natur zum Vorbild, denn «[i]n der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe […], es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheit». Eine integrative Konstruktion kann folglich nichts von außen Oktroyiertes sein – sie wird von innen heraus gedacht und versucht Mehrwert zu generieren, indem sie die schöpferischen Einfälle des Entwerfers nicht nur ermöglicht, sondern steigert. Sie ist leise, einfügend und einfühlend. Aufgabe eines geistvollen Ingenieurs ist es, die grundlegende architektonische Absicht zu erkennen und die konstruktiven Probleme zu finden, welche zu wissen notwendig sind, um die Idee anzureichern.

IM SINNE DER VIELFALT ENTSTEHT DIE IDEE EINES MODULAREN STAHLGERÜSTS MIT FLEXIBEL EINSETZBAREN DECKEN, BÖDEN UND WÄNDEN. MIT DEM PROBLEM DER DICHTIGKEIT KOMMEN EINSTELLBARE PLANETEN INS SPIEL, DIE SICH MIT EINEM INBUSSCHLÜSSEL AUSFAHREN LIESSEN. ODER LUFTSCHLÄUCHE, DIE AUFBLASBAR WÄREN. DIE NOTWENDIGEN FUGEN WERDEN ZUM GESTALTERISCHEN ELEMENT, DIE SCHLÜSSEL- ODER LUFTEINLÄSSE ZUM ORNAMENT.

Die Vorgehensweise eines geistvollen Ingenieurs ist kein lineares Entwerfen, sondern ein Austarieren von Maßstäben und Themen. Humor und Spontanität spielen dabei eine ebenso große Rolle wie fundiertes Wissen und gedankliche Kontinuität. Anstelle des abstrakten, mit Zahlen und Fakten hantierenden Umgangs, welcher dem allgemeinen Bild des Ingenieurs oft vorauseilt, arbeitet ein geistvoller Ingenieur visuell und konkret. Er braucht nicht immer komplexe Rechenmethoden, oft verlässt er sich auf Überschlag und Intuition. Seine wesentlichen Mittel sind Skizzen, Zahlen und Worte. Diese verbinden ihn mit dem Architekten und ermöglichen einen Dialog in einer beidseitig verständlichen Sprache.

DIE AUSWECHSELBARKEIT DER ELEMENTE REIZT GERADEZU DAZU, IM SINNE DER REZYKLIERBARKEIT VOLLSTÄNDIG AUF JEGLICHE MATERIELLEN VERBUNDE ZU VERZICHTEN. ANSTELLE DER ÜBLICHEN BETONDECKE ALS SPEICHERMASSE WIRD EIN KIESBETT UND SCHLIESSLICH – MIT NUR EINEM ZEHNTEL DER AUFBAUHÖHE – STAHL DISKUTIERT: ALS MASSIVE PLATTE EINGELEGT, ANPASSBAR, UNBEHANDELT UND WIEDERVERWENDBAR.

Ein geistvoller Ingenieur braucht als Gegenüber einen konstruierenden Architekten, welcher Interesse an der realen Umsetzbarkeit hat, sich konstruktiven Herausforderungen stellt, die Grenzen der Technik spürt und diese als Potenzial der Weiterentwicklung begreift. Der konstruierende Architekt wiederum kann nicht ohne den geistvollen Ingenieur. Für beide sind Form, Material, Konstruktion und Installation untrennbar. Beide plädieren für ein materialgerechtes Entwerfen und profitieren von ihrem Gedanken- und Wissensaustausch. Ihre Zusammenarbeit entgegnet der Zergliederung des Architektenberufs und trägt damit einen wichtigen Teil zur Baukunst bei. Eine Achtsamkeit füreinander wird dabei am besten bereits in der Ausbildung geschult, etwa indem der stärker werdenden Separierung mit einer physischen Annäherung entgegnet wird, welche auch freundschaftliche Bande für spätere Zusammenarbeiten entstehen ließe. Gemeinsame Projekte der Studenten verschiedener Fächer sind hinsichtlich der immer komplexer werdenden Anforderungen und Ansprüche fast schon unabdingbar. Auch ein gewisser Realitätsanspruch sollte bereits in der Lehre walten und nicht als Bremse, sondern als Katalysator für die Lust am Entwerfen seitens der Ingenieure und die Lust am Konstruieren seitens der Architekten verstanden werden. Denn um den Wert des geistvollen Ingenieurs in einem Bauwerk erkennen zu können, braucht es eine intensivere Auseinandersetzung mit der Konstruktion und ihrem Verhältnis zur Architektur. Das Konstruktive offenbart sich, anders als die architektonische Gestaltgebung, oft erst auf den zweiten Blick, geht es ihm auch nicht um das Offensichtliche, sondern um das Sublime, welches die Bescheidenheit und Fähigkeit seines Entwicklers widerspiegelt.

DIE DISKUSSION ZUR INTEGRATION DER INSTALLATIONEN IN DAS VERÄNDERBARE SYSTEM WIRD IN DER KAFFEEPAUSE FORTGESETZT. ZUR WEITEREN BESPRECHUNG DES PROJEKTS HAT JOSEPH SCHWARTZ ALLES , WAS ER BRAUCHT: EINEN STIFT UND EINE SERVIETTE; SEINE ERFAHRUNG UND SEINE ERZÄHLKUNST.

Eine große Rolle für das Können eines geistvollen Ingenieurs spielt schließlich seine Erfahrung. Diese ermöglicht es ihm, Vergleiche beizuziehen, Dinge abzuschätzen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Denn wie bei vielem erschließt sich auch in der Technik nicht alles von Anbeginn an – «[h]at man aber eine Reihe Erfahrungen der höheren Art, [deren Elemente einzelne Versuche sind,] zusammengebracht, so übe sich alsdann der Verstand, die Einbildungskraft, der Witz an denselben wie er nur mag».


 

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